Ein unverhofftes Windfeld

14. Juni 2023 – 12:37 Uhr – 417.5 nm to go
N 46°27.32′ W 14°13.13′

Die in der Stationsmeldung in etwa 2 Tagen angekündigte Flaute kam bereits am nächsten Tag. Wie immer wurde morgens das Laptop rausgeholt und Gribdaten gezogen. Das heißt, Wetterbericht runtergeladen. Was da zu sehen war, sah gar nicht gut aus. Nur blau.. das heißt höchstens 6-8 Knoten Wind. Es machte uns weniger aus als gedacht. Sobald das Großsegel schlug nahmen wir es runter und starteten den Motor. Irgendwann wird schon wieder ein bisschen Wind kommen und wenn nicht haben wir genug Diesel für die verbleibenden Tage, so die allgemeine Einstellung.

Der Flautenvormittag wurde bestens genutzt, und zwar mit einer Unterrichtsstunde bei Pierre über die Bedienung des Sextanten. Schon davor hatten wir uns das Gerät einige Male vorgenommen und uns von Pierre Sachen erklären lassen. Wie man die Sonne schießt, wo im Buch man was nachlesen kann und, wohl das aufwendigste, die ganzen Rechenwege und Umrechnungen. Es hat großen Spaß gemacht und die errechnete Position war auch fast richtig.. Aber Pierre sagt wir wären richtig gut, lernen schnell und es ist normal, dass die Position oft nicht stimmt. Na gut.. Dann sind wir mal weiterhin dankbar für unsere elektronischen Navigationssysteme.

Auf eben einem dieser Bildschirme konnte bereits um 14 Uhr wieder ein zunehmender Wind festgestellt werden. Also Bücher, Rätselhefte und Sextant in die Ecke und Segel hoch. Großsegel und Big Mama, insgesamt 148 Quadratmeter Segelfläche schoben uns mit herrlichen 5 Knoten in genau die richtige Richtung. Die Meilen fingen an zu purzeln und der Motor konnte sich ausruhen. Nach einer Stunde war der Wind wieder so stark, dass Ole das Präventerstag (ein zusätzliches Backstag, welches den Mast nach hinten hält) riggen musste. Bereits eine weitere Stunden später war der Wind zu stark, 19 Knoten, und Big Mama musste geborgen und dafür Fock und Klüver gesetzt werden. Ein super Manöver, woran man merkt, dass wir echt schon lange unterwegs sind. Mittlerweile ist Big Mama nicht mehr das riesige, gefürchtete Segel, für das eigentlich immer zu viel Wind ist, sondern unser Tiptop Ballonklüver, den wir als Crew sehr gut unter Kontrolle haben. Das ist eine große Freude und macht noch mehr Lust auf die Rumregatta, wo wir nächstes Jahr endlich mal wieder mitracen wollen. Segel hoch und runter können wir auf jeden Fall und Steuern geht inzwischen auch ganz gut.

Um 18 Uhr, pünktlich zum Abendessen (Thunfischgeschnetzeltes, Kartoffeln, Quark und Tomate-Feta Salat) setzte ein leichter Nieselregen mit noch ein bisschen mehr Wind ein. Das unverhoffte Windfeld. Da durch den windarmen Vormittag die Wellen fast gänzlich verschwunden waren, brausten wir also los. 7 Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit.
Der Tag, der eigentlich als verloren galt, wurde zu dem Tag mit den schnellsten Wachen. In 2 Stunden wurden mehr als 14 Meilen gefahren. Das hat gebockt!! Und das freute auch die Delfine. Lange schwommen bis zu 30 Tiere mit uns mit, spielten in unser Bugwelle, sprangen mehrere Meter hoch aus dem Wasser, um dann unterm Schiff durch und wieder in die Bugwelle zu gleiten. Ein Gänsehautmoment, während die Meilen weiter purzelten. Schon um 23 Uhr wurde die 500er Marke erreicht, das ETMAL von 120 Meilen für den Tag ebenfalls eingestellt. Wir sind also immernoch auf Kurs Sonntagnachmittag ankommen und ordentlich Kapitänsgeburtstag feiern.

Aber wollen wir mal den Tag nicht vor dem Abend loben. Momentan dreht sich die Schraube wieder mit 1500 Umdrehungen und es ist laut und sehr windstill. Bis auf eine kurze Frühstückspause, in der wir die Passatsegel setzten und in alter Atlantikgewohnheit durch die Wellen rollten, ist das wohl jetzt auch erstmal Phase. Evetuell dann morgen Abend wieder Wind… Wir werden es erleben, wie die Großmutter sagen würde. Das Frühstück war übrigens super. Es wurde von einem riesigen Finwal eingeläutet und dann mit French Toast und Spiegeleiern fortgesetzt. Luxuscruise.

Aaber, heute gibt es Brownies und Thunfischcurry und alle sind total happy und gut drauf, also sollte nix schief gehen.

Wir melden uns in 2 Tagen,
Bis dahin,
Eure Auroracrew

2 Antworten zu „Ein unverhofftes Windfeld”.

  1. Avatar von annekestichling
    annekestichling

    Es ist Nacht. Ich sehe euch hindurch fahren. Dunkel, Sterne, Reden.
    Ich kann jetzt beide Seiten verstehen. Tag und Nacht und Tag und Nacht auf dem Schiff. Einzig wichtig, der Wind, die Distanz, die Menschen um einen herum.

    Hier ist einfach jede Stunde etwas anderes los, es riecht nach Regen, Eigentüner Versammlung, Telefonieren, Finanzierung, behandeln, … und dennoch vergeht die gleiche Zeit und man erlebt Dinge, sieht fühlt schmeckt. Egal.

    Ich bin dankbar für die Zeit mit euch auf Aurora. Ihr seid ein tolles Team. Genießt die letzten Meilis.

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