Seglerisch lässt sich die Geschichte unserer Überfahrt recht knapp zusammenfassen. 240 Meilen von Les Sables O´Lonne, Frankreich, nach Gijon, Spanien.
Um 11:00 laufen wir bei kompletter Flaute aus und motoren auf der geraden Linie, die die Navigation vorgibt. Um 16:30 kommt Wind auf. Motor aus. Wir können 34 Stunden segeln bis erneute Flaute uns wieder zum Motoren zwingt. Um 7:40 (8:40 spanischer Zeit) legen wir in Gijon an.




Für die Spannung und die Geschichten jetzt der Bericht unserer Mitseglerin Lotte Musiol:
Nachdem ich den ersten Tag an Bord im Hafen verbracht hatte, wurde ich mit Blick auf meine sehr überschaubaren Segelerfahrungen direkt ins kalte Wasser geworfen: 2 Tage und 2 Nächte lang wollten wir über die Biskaya nach Spanien segeln.
Am Abend vor dem Start bekam ich noch die Sicherheitseinweisungen für etwaige unwahrscheinliche Mann über Bord Situationen. Erste Regel: Niemand geht über Bord. Damit konnte ich mich gut anfreunden. Danach wurde die Crew in Zweiterteams aufgeteilt und die Schichten zugelost. Meine mangelnde Kompetenz wurde im Team durch die volle Erfahrung des Kapitäns ausgeglichen.
Während wir das Hafenbecken verließen und alle die Segel vorbereiteten, musste ich mich erstmal an den starken Wellengang gewöhnen. Auch die ersten Schritte an Deck waren noch sehr wackelig und um die erste Sicherheitsregel befolgen zu können, bewegte ich mich nicht von meinem sicheren Fleck auf der Ruderbank weg. Seebeine musste ich mir erst erarbeiten. Die Segel wurden gesetzt und alle widmeten sich dem Frühstück. Aber so richtig wollte sich mein Körper noch nicht an die See gewöhnen und ich ließ das Frühstück aus – sicher ist sicher. Während sich alle zum Lesen oder Sonnen auf dem Boot verteilten, hielt ich mich wie angewachsen an Ort und Stelle auf der Ruderbank. Dafür konnte ich mich meinem erklärten Ziel für die Überfahrt widmen: der Walsichtung.
Nach dem Essen ging es für mich direkt schlafen. Dabei war Schnelligkeit gefordert. Jegliche Gewöhnung an das Schaukeln des Bootes, die ich mir über den Tag hart erarbeitet hatte, ging verloren, sobald ich unter Deck ging. Also so schnell wie möglich Schuhe und Kleidung ausziehen und in die Horizontale begeben. Das Schlafen bei Wellengang bedeutete einen kleinen Kampf gegen das Herausfallen aus der Koje. Vom Brett, mit dem ich die Kojenöffnung schließen konnte, um das zu verhindern, wurde mir erst nach der ersten Nacht erzählt. Da hatte ich mich schon an die Schräglage gewöhnt und Gefallen gefunden an den kurzen schwerelosen Momenten im Flug von der einen Seite der Koje in die andere. Auch an die Geräusche der krachenden Wellen gegen meine Kojenwand musste ich mich gewöhnen. Davor wurde ich zum Glück schon vor der Abreise gewarnt: Es höre sich an, als ob das Schiff untergeht, aber das sei ganz normal und wir würden nicht untergehen. Beruhigend. Redete ich mir zumindest ein. Dem Schaukeln, den Geräuschen und der halbstündig klingelnden Wachuhr direkt über meiner Koje zum Trotz konnte ich schließlich überraschend gut schlafen. Dabei hielt mich nur die Aufregung über den abenteuerlichen Schlafplatz noch ein bisschen wach.

Als Tom mich zu meiner ersten Nachtschicht großzügig erst um 4:30 Uhr weckte, kroch ich aus der Koje und zog mir das Ölzeug an. Zum Schuhwerk hatte er mir noch gesagt, dass Sneakers ausreichen, viel Wasser würde nicht aufs Deck kommen. Nachdem ich mich auf den vertrauten Platz auf der Ruderbank setzte, während Ole das Steuer übernahm, schwemmte keine 5 Minuten später eine Welle über das Deck. Das Ölzeug hielt uns trocken aber meine Füße waren nass. Ansonsten waren die nächsten Stunden ein Kampf gegen die Müdigkeit in denen ich Ole auch nicht ablösen konnte, da die 3 Meter hohen Wellen bei Nacht nicht die optimalen Bedingungen waren, um mir das Steuern beizubringen. Damit blieb mir nur der Blick aufs Wasser. In der Nacht waren die Wellen aus der Ferne nur zu hören und sichtbar wurden sie erst kurz bevor sie das Boot umspülten. Es war eine ziemlich unbeschreibliche Mischung aus vollkommener Müdigkeit, während der Respekt vor der rauschenden See mich gleichzeitig hellwach hielt. Bei jeder meterhohen anrollenden Welle dachte ich, diese wird uns nun verschlucken, um jedes Mal wieder beeindruckt zu beobachten wie Aurora jede einzelne sicher erklomm und wir so durch die Nacht glitten. Überraschenderweise kam richtige Angst bei mir dabei nicht auf. Für das Seil, das mich an meiner Schwimmweste fest mit dem Schiff verband, war ich trotzdem dankbar.
Dieses Mal noch ausgelaugter fiel ich nach der Wache dankbar in die Koje. Tagsüber verbrachte ich an Deck, viele Alternativen gab es für mich auch nicht. Stehend unter Deck ging nicht und verschlafen wollte ich die Überfahrt auch nicht – zu groß die Angst, den Wal zu verpassen. Also gesellte ich mich zu Tom und Lukas und wir machten uns daran, das mitgenommene Segelquizbuch zu lösen, während wir über das 4000 Meter tiefe Meer fuhren.




Außerdem übernahm ich zum ersten Mal selber das Steuer und wurde angeleitet, nach dem Kompass zu navigieren. Nicht einfach, aber langsam wurde es besser, sodass ich mich dieses Mal tatsächlich ein bisschen vorbereitet und hilfreich für meine Nachtwache fühlte. Auch das Essen konnte ich mittlerweile wieder gut genießen und beim Fortbewegen über das Deck sah ich nicht mehr vollkommen betrunken aus. Nur noch gut angetrunken. Ich fühlte mich auf der Seereise richtig angekommen.



Die Nachtwache mit der deutlich entspannteren Uhrzeit ab 20 Uhr machte dieses Mal richtig Spaß. Zuerst konnten wir den Sonnenuntergang genießen und kurz darauf breitete sich ein wunderschön klarer Sternenhimmel über uns aus.



Mit dem Steuern wechselten wir uns ab, alle ganze oder halbe Stunde, Hauptsache jeder kann sich ausgiebig der Sternschnuppensuche widmen. Oder dank modernster Technologie die Planeten, Sterne und Sternbilder orten. So vergingen diese 4 Stunden deutlich schneller als die der letzten Nacht und trotz nachlassendem Wind war es herrlich, die warme und sternenklare Nacht an Deck zu verbringen. Kurz nach unserer Wachübergabe hörte man die Motorengeräusche, der Wind wehte nun endgültig zu schwach und wir motorten die letzten Meilen bis zu unserem Ziel. Als ich mich aufmachte, schlafen zu gehen, sahen wir bereits die ersten Lichter der spanischen Küste. Im frühen Morgen liefen wir im Hafen von Gijon etwas erschöpft aber auch beglückt im Sonnenschein ein. Einen Wal haben wir schlussendlich nicht gesehen, aber das kleine Abenteuer werde ich trotzdem nicht vergessen!




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