Die Tage ziehen vorbei, schaukeln ins Land bzw. im Meer an uns vorbei. Der Alltag ist sehr gleichmäßig, wir leben im Rhythmus der Wachen und des Lichts (von ca 6 bis 18 Uhr). Alles ist blau, das Meer, der Himmel, die fliegenden Fische, die Teil unseres Ausblicks geworden sind. Ein Blau, das man sich nicht vorstellen kann, wenn man es nicht selbst einmal gesehen hat. Es ist nicht türkis und nicht Himmelblau, es ist wie mit Chemikalien angemischt, strahlend und doch dunkel und tief, als würde man eine Lampe hinter eine dicke Schicht Wasser halten. Hauke spekuliert, dass es mit dem Salzgehalt zu tun hat, aber genau wissen wir es nicht. Seit dem 1. Advent sind drei Tage vergangen, heute ist der erste Dezember. Dabei fühlt es sich ganz und gar nicht nach Dezember an und wir ertappen uns dabei, wie gedanklich bei uns allen einfach Sommer herrscht. Nach dem täglichen Frühstück um 10 Uhr wird klar Schiff gemacht, vor allem von Ole viel Schiffsarbeit geleistet, auf dem Vorschiff geduscht (eimerweise Meerwasser über den Kopf schütten, einschäumen und versuchen, alles so gut wie möglich wieder abzuspülen, ohne dabei über Bord zu fallen), Sport auf dem Vordeck gemacht und gespannt (von einem Teil der Crew) die Angel betrachtet. Außerdem findet sich hinten um das Steuerrad ab und zu ein Grüppchen zusammen, um der Geschichte der Maarstaler im Buch „Wir Ertrunkenen“ zu lauschen. So anders die Menschen damals gelebt haben, auf eine Weise fühlen wir uns verbunden mit den Charakteren, die wochenlang auf dem Wasser verbringen, ohne Land unter den Füßen und sich nur von Erbsengrütze und den Geschichten über die fernen, exotischen Länder ernähren (wir essen allerdings etwas besser!). Chiara und Lotta haben bis zum ersten Dezember noch einiges zu tun gehabt, da sie für die Crew einen Adventskalender basteln wollten. Ein Vorhaben, das sich als spaßig, aber ungemein schwierig gestaltete, weil überall zu jeder Zeit immer jemand ist und man nur mit großem Glück mal ein ruhiges Plätzchen zum Arbeiten findet. Die Überraschung ist ihnen aber geglückt und nun hängt hinten an der Großbaumstütze ein Band mit vielen bunten Flatterfähnchen, in denen sich die Türchen befinden.In der Zwischenzeit ist etwas passiert, das für allgemeine Verwirrung und insbesondere beim Kapitän für kurze Verunsicherung sorgte: es ist bewölkt! Mein erster Gedanke, als ich gestern (30.11.22) morgens aus dem Niedergang komme: „etwas ist anders! Aber was? Es blendet nicht mehr, kein helles Glitzern auf dem Wasser, kein vertrautes SonnenstrahlenPrickeln auf der Haut, kein Hut auf keinem Kopf!“ Ole hat zu viel über Wetter und Tropical Waves gelesen, die zu Tropical Depressions und dann zu Hurricanes werden, deswegen muss sofort per Gribdaten Wetter gezogen werden. Nach einigen Anläufen, das Wetterprogramm ist eine kleine Zicke und will ihr Wissen nicht teilen, werden die verdächtigen Wolken enttarnt: in ihnen verbirgt sich nichts! Wir kriegen sogar weniger Wind, dafür aber aus der richtigen Richtung. Nach dieser Entwarnung genießen wir alle den vielleicht einzigen Tag, an dem wir ohne Sonnencreme draußen sein können, nicht den nicht vorhandenen Schatten herbeisehnen müssen und entspannt, ohne verkniffene Augen aufs Meer blicken können. Ein Tag ohne Sonne, das bringt auch mal Wonne! Nachmittags ist Zeit für Sally. Hier wird zu einem bestimmten Lied (bring Sally up) von der ganzen Gruppe eine Sportübung gemacht. Mal sind es Kniebeugen, mal sind es Liegestütze, aber immer wird dafür gekämpft, dass alle bis zum Ende des Lieds durchhalten und so der Körper, aber auch das Crewgefühl gestärkt wird! Danach treffen wir uns alle auf dem Achterdeck und machen eine Gesprächsrunde. Jede Person kriegt den Raum zu sagen, was gerade so los ist, wie sie sich fühlt und was ihre Bedürfnisse sind. Denn trotz des eingespielten Alltags darf man nicht vergessen, dass wir uns in einer ziemlichen Ausnahmesituation befinden, auf einem 13 Meter langen Boot mitten auf dem Atlantik treiben und mit sieben Personen auf engstem Raum zusammenleben. Hier ist die emotionale Hygiene genauso wichtig wie die körperliche. Wir beschließen unsere Runde mit einem herrlichen Becher Mango-Passionsfrucht-Saft (einer seltenen Frische- und Geschmacksexplosion im Mund) und dem altbekannten „Ooohhh sooo swinge vi po seidelen igen, hej skol!“ Und damit geht ein Tag zu ende, ein Tag wie jeder andere, ein Tag wie kein anderer, ein Tag auf dem Atlantik, umgeben von Blau, von Salz und von Wind. Die Dämmerung pirscht sich an, die Wolken flammen einmal glutrot, orange und pink auf, um dann einer dunkelgrauen, diesigen, seichten Nacht Platz zu machen, die sich anschleicht und das ganze Schiff einhüllt. Für viele geht es in die Koje, aber zwei bleiben wach und wir segeln weiter. Egal ob Tag oder Nacht, die Aurora bleibt auf ihrem Kurs.
Von Lotta

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