Kap Verden – Haukes Erzählung

Cabo Verde – Unbekannte Atlantikinseln – Madeira, Kanaren – na klar! Da waren schon fast alle oder kennen eine die schon da war – aber Kapverden? Wo waren die noch gleich? Nach Befragung von Tante G. dann dringende Warnungen: Überfälle, Piraterie – was, ihr habt keine Waffen an Bord?
Das in Gran Canaria noch erstandene „The Atlantik Island“ – geschrieben und zusammen getragen von drei segelnden Britinnen – empfiehlt schon, das boat zu locken, wenn man an Land geht. Auch Kette und Schloss für Dingi und Außenborder – sinnvoll. Sonstige Sicherheitsbedenken haben die drei Ladys nicht. Machen das eigentliche Problem für Bootsreisende in fehlenden ports und unsichererem anchorages aus, sowie allgemein rauer See und Strömung und erheblichen Düseneffekten zwischen den Inseln.
Wir hatten ja genug Muße, das alles zu studieren und beschließen, Mindelo mit sicherer Anchorage und Marina zu unserer Capverden-Basis zu machen. Weitere Erkundungen auf dem Landweg und per Fähre.
Nach Tagen im Atlantik – Wasser ohne Anfang und Ende – Blauer Spiegel des Himmels in 5.000m Nichts. Und jetzt behauptet der Plotter, dass in diesem alldimensionalen Nichts, voraus, am dunstigen Horizont, Land ist, Inseln. Dahin die zeitlose Gelassenheit – wir wollen ankommen! Und das dauert noch fast den ganzen Tag – harte Geduldsprobe für die Crew… Aus dem Dunst wachsen gewaltige Bergflanken, unwirklich – auch beim Näherkommen, schwarz, braun, grau, riesenhafte Strukturen, Vulkane strecken ihre Lavafinger in den Atlantik, kein Baum, kein Strauch, kein Grün, keine menschlichen Spuren zu erkennen; Ödland der Drachen und finsteren Sagengestalten, Kegel, Flanken, Grate, die hunderte Meter ins Meer stürzen – das, wie von den Britinnen vorhergesagt, zwischen den Inseln ruppig wird. Wehe dem Schiff, das hier scheitert.
Umso erstaunter die Auroracrew, als sich an Backbord auf Sao Vincente die Bucht von Mindelo öffnet – Häuser, Schiffe, Hafenanlagen – sogar Autos!


Kein Platz in der Marina – como sempre. Also Anchorage, Rum, das Bild der Stadt, die Geräusche, Gerüche, offene Fischerboote mit 6,7 dunkelhäutigen Männern tuckern scheinbar ziellos umher, Schildkröten, Sonnenuntergang – langsam näher kommen.
Der nächste Morgen nach einer wachfreien Nacht: Immigration-Behörde, Hafenauthority, Habourmaster – a presa nao e nossa – immer sutche. Weitere Annäherung in der (floating) Hafenbar – Kaffee, Cola, Sandwich, Kippen.
Liegeplatz am Steg! Spannung steigt – aber zuerst – ein Plan – To do:
die ausgeschlagenen Ruderbuchsen erneuern (dazu aufslippen?), Aurora weiß anmalen (Sonnenschutzkleid) und diverse Kleinbaustellen und -projekte – normal. Die Ruderbuchsen geben den Takt vor, vielmehr Peter, ein dürrer, latent schlecht gelaunter Deutscher, der dem Repairteam (alles Kreol*innen) in der Marina vorsteht. Ruderbuchsen – kein Problem, im Wasser – sowas machen wir andauernd – aber: erst wenn die ARC weg ist! Das „betreute Segeln“ hat die gesamte Marina gebucht. Ist zwar noch kein Schiff angekommen von denen, aber: morgen müsst ihr wieder raus in die anchorage (das wiederum gibt der Hafenmufti vor, ein humpelnder dunkelhäutiger Pirat, der gut unterscheidet, wen er anbrüllt – die Crew – und wer freundlich behandelt wird – der Kapitän).
Nun denn; Freitag 18. fährt die ARC los, vor Montag 21. wird Richtung Ruderbuchsen nichts passieren. Wenn das der Beat ist – haben wir ne gute Woche frei – floaten in die Stadt. Afrika! Am Marinator – Hello my friend! – Taxi? Guidet Tour? – How are you? Bon jour! Sind schon hartnäckig, die Männer mit den Sonnenbrillen. Mit Distanz zur Marina, nimmt der Druck zum Glück schnell ab. Quirliges Stadtleben, Straßen voller Menschen, Gebäude und Kleidung in kräftigen Farben, afrikanische Muster auch und viel internationale Mode – T-Shirt, Flipflops und Sneaker, Jeans.

Jede 2. Tür ein Laden – Mercearia oder Loja – für alles, was mensch so braucht oder nicht braucht, sehr viele Chinaläden. Auf den Straßen Frauen die aus großen Plastikwannen, die sie auf dem Kopf tragen, Bananen und Papayas verkaufen. Oder Fische. In den diversen angrenzenden Läden wird das Gleiche verkauft, auf dem Markt ebenso – wie funktioniert das?
Die Menschen hier haben offensichtlich Vorfahren aus angrenzenden Regionen Afrikas, braune Haut, schwarze Augen- bezeichnen sich als Kreolen. Verkehrssprache ist Kreol – eine Mischung aus Portugiesisch (ehemalige Kolonialmacht) und den Sprachen der Afrikanerinnen, die zumeist gegen ihren Willen hierher verschleppt wurden. Für meine Ohren sehr nah am Portugiesisch, das eigentlich alle verstehen. Es wird viel kommuniziert, gelächelt, laut und herzlich gelacht, gerne der hochgereckte Daumen gezeigt. Begrüßung Faust gegen Faust, die dann kurz an die eigene linke Brust getippt wird – in Männerkreisen.

Die Männer sind die Fischer, die Securitys, die überall rumstehen, im Supermarkt, vor dem Café, die Taxi- und Aluguerfahrer (Aluguer sind Sammeltaxis, die viele außerstädtische Buslinien bedienen, Pickups mit Bänken auf der Ladefläche oder vollgestopfte Bullis) Männer sind sehr präsent auf den Straßen, kommunikativ gegenüber Fremden. Kontakt zu Frauen eher in Cafes und Lokalen, oder Supermärkten. Dort wird das Bild bestimmt von vielen taffen Frauen – alten wie jungen – leichter Spott im Augenwinkel, Haare gerne zum Dutt nach oben gebunden. Aber auch mal raspelkurz. Viel Kraushaar, dunkel, blondiert, viele Dreads. Selbstverständlich lieben wir den Markt, Budengassen, wo neben internationalem Plastikramsch auch Schneider und Schumacher (beides anscheinend Männerdomänen) ihre Dienste anbieten, regionales artesanato, Elektrogräte, Sonnenbrillen, aber auch Stühle und Betten, Gemüse natürlich auch und Obst – so ziemlich alles, was es fürs Leben in Mindelo so braucht.

Hier residiert Samba, König des Marktes, sehr dunkelhäutig, würdevoller Kahlkopf, Sonnenbrille, langes einfarbiges Gewand – sein Bruder lebt in München (auf 450.000 Einwohnerinnen auf den Inseln kommen 720.000 Emigrant*innen im Ausland – das Leben auf den Inseln ist und war nie einfach… und die Rücküberweisungen sind auch für die Republik Cabo Verde ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: Ohne Überweisungen aus dem Ausland haben es Familien hier schwer…). Samba spricht flüssig deutsch – über die Verhältnisse auf den Inseln – nicht zu viel Korruption – die lokale Wirtschaft und Politik, aber vor allem das Leben der Menschen – sehr liebenswert mit seiner ruhigen, humorvollen Art – über die Zeit entsteht eine kleine Freundschaft.
Er wohnt in Sao Pedro – einem Fischerdörfchen an der Südküste. Zufällig hatte es uns gleich am ersten Tag dorthin verschlagen. Die Sonnenbrillen am Marinator stopften uns in ein Pickup, dass am Airport vorbei zum bestimmt 3 Km langen Strand bei Sao Pedro rumpelte.

Durch die Düse zwischen den Bergen orgelt der Wind – Hotspot für Windsurfer! Die Fischerjungs haben eine neue Einnahmequelle erschlossen: Einige Kabellängen vor dem Strand haben sie mit ihren Netzen einen Pferch für Schildkröten gebaut. Dann fangen sie die Touris am Strand ein, die von Guides und Taximännern aus Mindelo geliefert werden „do you want to swim with the tortugas?“ nee, Pferch wollen wir nicht – es braucht Hartnäckigkeit, bis die Jungs von uns ablassen. Wir baden im Türkis – etwas entfernt paddelt eine freie Tortuga. Überall am Strand die Bruchstücke großer Meeresschneckenhäuser, auf der Leeseite der Bucht zu riesigen Halden getürmt – busio heißen die hier und werden in jedem Lokal als Vorspeise angeboten. Am Strand hat das Governo Tafeln mit Mindestmaßen der gefangenen Meerestiere aufstellen lassen: Busio – mindestens 15 cm. Ob das irgendeine kontrolliert?
Dieweil pendeln die Fischerboote zwischen Strand und Pferch. Snorkling Equipment kann ausgeliehen werden, steter Strom aus Taxis und Kleinbussen, über den weiten Strand, umringt von knackigen Jungs, in die Brandung – „was?“ – mit hoch erhobenem Rucksack, alles über die Bordwand gehievt, Außenborder, schiebt raus, 15 Minuten Aufenthalt dann retour.


Wir sitzen da bereits in der Strandbar, Sonnen- und Windschatten, Cerveja – Strela heißt die

regionale – Vino branco, viel Agua – probieren, was die Cabo Verde Küche kann: Die gehobene (für Leute mit eigenem Auto und Besucherinnen) wird von Fisch und anderem Meeresgetier dominiert – wächst ja nix, auch kein Futter für Viecher. Die Bevölkerung ißt in erster Linie Bohnen, Mais, Reis, Getreide. Da kommt dann gerne etwas Fisch rein und vielleicht ne Zwiebel oder Tomate, Pepperoni und Koriander – neben Rosmarin das einzige Würzkraut. In der Strandbar gibt es Pasteis – Teigtaschen aus Weizen und Fisch. Sehr lecker – kriegen wir immer wieder auf den Inseln, auch aus Kartoffeln und Balcalau. Das Volksessen heißt Cachupa – relativ trockener Eintopf aus verschiedenen Bohnen und Mais – in dieser Grundvariante sogar vegan! Wer sich’s leisten kann, kriegt einige Scheiben scharf gebratene Salsicha und ein Spiegelei dazu. Die beste Cachupa (wir essen die oft schon zum Frühstück) gibt es auf dem Markt: Der Markt ist ein großzügiger, angelegter, quadratischer Platz mit Budengassen und Dächern für die Gemüsehändlerinnen an den 4 Ecken. In der Mitte des Platzes in einer abgetreppten Vertiefung ein sechseckiger Pavillon. An fünf Seiten, fünf Minirestaurants – im Gebäude jeweils die Küchen, davor auf den Stufen die Tische und Sonnenschirme, die sechste Seite beherbergt die einschalige Markttoilette. Das ganze bröckelnde Ensemble erinnert an vergangene Zeiten – Erbstück aus den sozialistischen Zeiten?
Die Restaurants bieten alle das gleiche an: ein Gericht, also einen Eintopf. Während dies ausgegeben wird, sind bereits mehrere Frauen und Männer am Schnibbeln. Regiert werden die Buden von älteren, freundliche Autorität ausstrahlenden Frauen. Kundschaft sind Frauen, Männer, Alte, Junge, Arme und weniger Arme, die coolen Sportschuhjungs und die spindeldürren Männlein, die Bürofrau im Dress – alle bekommen ihren Teller mit Essen voll bis zum Rand und das Glas mit scharfem Molho – erheblich scharf! Für die Reisenden wird auch Bier vorgehalten, Cola, Agua und sogar Rotwein wird organisiert – wenn gewünscht auch in der Flasche: gießt man eben den Kartonwein in eine alte Schnapsflasche. Die Einheimischen sieht man eher nicht in der Öffentlichkeit Alkohol trinken. Zumindest nicht tagsüber. Nachts in den Musikbars ist das anders. Und was in den umhergetragenen Plastikflaschen drin ist – welche weiß?


Ja – wir stechen schon deutlich raus. Angesichts der Enthaltsamkeit auf See – der gewesenen und anstehenden – 3 Wochen! – sieht frau uns sehr regelmäßig trinken, auch schon vor Sonnenuntergang. Auch sonst – helle Haut und Haare, sicher riechen wir auch fremd – wir werden viel angesprochen – natürlich häufig vordergründig aus geschäftlichem Interesse: ob da ne Inselrundfahrt verkauft werden soll, ein Souvenir oder Fisch oder nur eine Münze oder Zigarette erbeten wird – selten ist es allein das Interesse, einen Teil des Reichtums, der da vorbeischwimmt, zu ergattern; die Leute wollen wissen, wo wir herkommen, was wir treiben. So entwickeln sich bisweilen intensive Gespräche. Vor allem nachts in den Musikkneipen aber auch auf dem Markt mit Samba oder im kleineren mit irgendwelchen Menschen auf der Straße: Als uns nachts ein Mann ein Modellmotorrad zeigt und zum Kauf anbietet, eine Harley, die er aus alten Dosen gebaut hat – beeindruckendes Kunstwerk! Gut, dass unser Stauraum begrenzt ist (und wir keine Harley-freaks sind) – aber wo wir herkommen und was wir hier machen, will er doch wissen. Und einen Taler für was zu Essen…
130 Euro Mindestlohn – soviel bezahlen wir im Durchschnitt zu 7. wenn wir abends essen gehen mit allem drum und dran. Wie machen die Menschen das? 1 Kg Cachupa-Mischung kostet 1,50 Euro. Eine Fahrt im Sammeltaxi 1 bis 1,50 Euro. Fähre nach Sao Antao 8 Euro pro Person – eine Richtung. Gemüse oft 3 – 4 Euro pro kg. Fisch bestimmt relativ günstig. Viele Männer bringen über die Fischerei etwas Geld in die Familien. (Fast der gesamte Fisch für Mindelo wird mit offenen Booten mit Außenborder in der Bucht vor der Stadt gefangen. Den ganzen Tag über landen sie ihren Fang – von diversen kleinen Fischen bis zu 3 m langen Tunas – am Fischmarkt an, wo er direkt weiter verkauft und verteilt wird.)

Mindelo mit kleinem Containerkai, ab und zu ein Kreuzfahrtschiff – auf Sao Vincente gibt es eigentlich sonst nichts. Sahelzone, steinige Wüste – 5 Regentage im Jahr, 100mm – wir bekommen kaum einen grünen Halm zu sehen, während wir per Aluguer über die Pisten schraddeln. Die Kisten sind alle total auf, klappern und rattern herzerweichend unter dem Gewicht von bis zu 17 Erwachsenen plus Dachlast. Die Fahrer und die Fahrgästinnen sind guter Dinge, da sind wir es auch. Vor den Fenstern Steine und Staub und Lava in verschiedenen Farben. Über ausgedehnte bröckelige Lavafelder schottern wir uns auf einen Vulkankegel. In dieser Landschaft gibt es nichtmal Insekten und nur eine einzige Art Gewächs hat anscheinend eine Strategie gefundene – alle 150 Meter versteckt sich ein Sträuchlein in den Lavaspalten.

Wir fahren durch ein Tal, das erkennbar temporär von Wasser durchflossen wird; jeweils zwischen einigen dürren Palmen rechteckige Steinhäuser, Mauern fassen Landstücke ein, auf denen teilweise einige Reihen angebauter Pflanzen zu sehen sind. Ab und an sind Ziegen gepflockt, überall mehr oder weniger demolierte Windräder, offenbar zum Wasser pumpen – falls da mal was sein sollte. Inmitten der Steinwüste muten die Gehöfte bizarr an. Wie können die Menschen hier existieren? Garnicht sagt Samba: Wenn es regnet, stecken sie die Setzlinge in die Erde. Die nächsten 4 Wochen regnet es nicht und alles vertrocknet. Dann kommen die Ziegen und fressen den Rest. Auf Sao Antao soll das anders sein: Von dort kommt alles Gemüse und Obst auf dem Markt und in den Geschäften und Lokalen von Mindelo. Wir nehmen die Fähre um 7 Uhr morgens (klappt erst am zweiten Tag, als wir auch unsere Pässe dabei haben, ohne die kein Ticket gekauft werden kann). Porto Novo auf der gegenüberliegenden Seite des Sunds, ziemlich tote Siedlung, ein paar rechtwinklige Gassen, schäbige Häuser inmitten der Steinwüste – wie aus dem Western – einzig belebt von einer Horde gieriger Taxifahrer auf Touristinnenjagd. Carlos Bulli schnauft mit uns die alte Straße hoch – Serpentine für Serpentine bis auf 1600m. Als wir beim Pico da Cruz den Pass überqueren tauchen wir in die kühlen Wolken ein – und ins üppige Grün. Wir machen eine lange Wanderung (Lieblingswanderung von Carlos: „immer oben auf der montanha bleiben bis zur kleinen Kapelle, dann immer runter nach Janela“) atemberaubend auf dem Grat, immer zwischen der trockenen und der grünen Seite wechselnd. 20 km legen wir zurück, steigen1600m ab, am Ende durch ein enges Tal wo die Bauernfamilien Bananen und Zuckerrohr anbauen. In einer kleinen Siedlung sitzen sie am Weg – es ist Sonntag, aber da ist kein Getränk, das rumgeht. Sie sitzen und schweigen, als wir durchkommen. Ziemlich ausgemergelt sehen sie aus in ihrem Paradies. Voller Eindrücke und in Erwartung von Muskelkater bringt uns Fähre „Armas“ zurück nach Mindelo.


Die zweite Ausfahrt nach Sao Antao dann mit Übernachtung in der Pousada „Green Place“ die wir von Mindelo aus per booking.com reservieren. Nachdem Jesper am Tag nach der ersten Wanderung mit Magen/Darm im Bett lag, wird jetzt Chiara krank. Kurz später noch Lotta. Green Place? Ja- der Name steht auf englisch am grünen Haus in den grünen Bergen, terrassierte, steile Hänge, inmitten Bananenpflanzungen und Zuckerrohr. Vor drei Jahren haben sie eröffnet und offensichtlich Corona überstanden. Mehrere Häuschen mit einfachen Zimmern, eins mit Küche und Speiseraum, Terrasse mit phantastischem Blick in die Berge, kleiner Pool (bei der Wasserknappheit?). Carlos lässt uns auf dem Berg raus, bringt die Kranken und Lahmen direkt zum Green Place. Der Rest steigt 800m auf altem Weg ab. Erst hochgebirgig, dann durchs Kulturland die ganze Zeit unglaublich malerisch, schön, begeisternd. Wir verpassen mal wieder die Abzweigung, fragen bei den Bäuer*innen – Pousada Green place kennt hier keine – aber wir haben das leuchtend grüne Ensemble schon von hoch droben gesichtet – immer bergab – an den unteren Hängen sind überall Wege und alte gepflasterte „Straßen“.

Im Green Place außer uns zwei jüngere Pärchen und eine gemischt französisch/schweizerische Reisegruppe, die morgens von einer kreolischen Guidin(!) abgeholt wird. Offensichtlich arbeitet Green Place nicht nur mit booking com zusammen, sondern auch mit internationalen Reiseveranstaltern. Im Gegensatz zu den wenigen Touristinnen auf Sao Vincente – viele Seglerinnen – sichten wir auf Sao Antao wiederholt Trekking-Reisende. Auch wir latschen (ziemlich underequiped und selig) so manchen Kilometer über die atemberaubend schöne Insel. Nordküstenwanderung von Cruzinho nach Proto da Cruz: Stundenlang auf dem alten gepflasterten Weg, schwindelnd hoch über der Brandung am Felsen klebend, kurz später am Fuß der Steilwände dicht am Wasser, steil hoch, steil runter, übersäht mit Steinen und Felsen – Capverdisches Roulette, atemberaubend schön. Ein wegloser Gebirgskamm schneidet die Nordküste vom Inland ab. Trotzdem laufen wir immer wieder durch winzige Siedlungen oder Ruinen. Die Seeseite ist sehr schroff und steil, an ihrem Fuß ziemlich grün, wo es irgend ging terrassiert. Inzwischen liegen viele Terrassen brach. Einziger Zuweg der Siedlungen ist unser Wanderweg, viele Kilometer lang, viele 100 Höhenmetern zu überwinden. Einzige Transportmittel Esel und Menschen.
Und dann sitzen wir in der Bar „Sonja“ auf einer kleinen Terrasse vor einem dieser Steinhäuser und trinken eiskalte Cola. Sonja und zwei Männer pulen irgendwelche Kräuter und Pflanzen – bipolare, interreale Performance: lebendiges Subsistenz-Museum für uns. Für Sonja und die Männer eine Art Liveshow aus der Welt hinterm Ozean. Ein Haus weiter sitzt die Reisegruppe aus dem Green Place und bekommt Mittagessen. Wir sehen die schmalen Terrassen, die dürren Feldfrüchte, den Verschlag am Fuß einer Felswand, in dem vier Ziegen einige Arm Blätter mümmeln, die nicht hier wachsen, sondern mehrere Kilometer weiter, winzige Steinhäuser – „schlicht ausgestattet“, wie das ganze Leben der Menschen. Und wir hören das Klappern der Reisekassen, der Trekkingstöcke auf den kleinen schwarzen Pflastersteinen.
Die Nordküstenwanderung endet in Porto da Cruz, für uns selbstverständlich am Hafen („another place you better visit from landsite“), eine Mole in den Klippen, breiter, schneeweißer Brandungsgürtel davor, kleiner quirliger Topf dahinter und eine Slipbahn; permanentes Dröhnen der Brandung, Salzdunst. Sehr idyllisch – vom winzigen Restaurant am Klippenrand aus betrachtet, wie die offenen Boote, in tollkühner Fahrt um den Molenkopf schlüpfen, dann entspannt im quirligen Wasser warten, bis 10 Männer zusammenlaufen, dann gemeinsam das Boot die Rampe hoch schleifen. Sogleich wird der Fisch verkauft oder verteilt und dann hocken überall in den Klippen Männer, die, umlungert von dünnen Katzen, Fische putzen. Wir treffen Tom und Jesper, die den Tag ruhiger angehen lassen. Chiara ist inzwischen richtig krank, liegt in der Pousada im Bett. Wir bleiben noch eine Nacht im Green place.


Früh am Freitag bringt uns ein hünenhafter Taxifahrer in rasender Fahrt die „neue Straße“ an der Küste entlang zur ersten Fähre. Vor den Fenstern fliegt die andere Welt vorbei – salziger Dunst der Brandung im Gegenlicht der aufgehenden Sonne. Es ist Montag, die Straßen voller Menschen, Kinder streben in Gruppen und blauen Schulhemden ihren escolas zu, Frauen mit kleinen Kindern an der Hand (auch einzelne Männer, obwohl die Sorgearbeit offenbar auch hier von den Frauen getan wird). Kilometerweit laufen die Menschen durch ihre Welt während wir in dem uns eigenen Tempo da mitten durch rauschen, nur gebremst durch enorme Bodenwellen der Fußgängerüberwege. Bisher existieren die Welten nebeneinander. Das Leben der Menschen hier ist in erster Linie aufeinander bezogen, die Reisenden sind noch Zaungäste – die ihrerseits neugierig beäugt werden.
Kontakt bekommen wir in erster Linie zu Männern. Raoul, der junge Fischer mit Dreads, der nachts in den Musikkneipen die Frauen antanzt. Aber reden tut er eigentlich ausschließlich mit den Männern unserer Gruppe – wie unsere Frauen konsterniert feststellen – erzählt von seinen Kindern… die wenigen Frauen im Nachtleben kommen fast durchweg aus dem Ausland.
Dann ist da noch der General, Seniorasta, dem allgemein mit viel Ehrerbietung begegnet wird.

Ab und an überkommt es ihn und er entert die Bühne und übernimmt für einen Song das Mikro; Über die Tage kommt Mann sich näher. einen Tag treffen wir ihn garnicht Jah-selig am Markt – ihm ist nachts das Portemonaie geklaut worden. Oder Hervas, ein vergnügter junger Mann, der mehrere Abende mit uns zusammen unterwegs ist. Hat mal Arbeit und mal keine, bringt sich gerade selbst Englisch bei, rapt ziemlich gut aus dem Stehgreif und blickt ansteckend positiv in die Zukunft. „Hier am Strand sollen neue Hotels gebaut werden – dann kann ich einen guten Job bekommen. Gerne möchte er mal nach Europa reisen, sehen, wo die Leute herkommen mit denen er hier Spaß hat. Ja – könnte erfunden sein, so klar bildet sich die Membran zwischen unseren Welten ab.


Frauen lernen wir auch kennen – die Frauen, die im Café Mindelo arbeiten und in anderen Lokalen, auf dem Markt, im Café Royal – die langsamste Bedienung der Welt… Wir werden erkannt, begrüßen uns, reden auch über die Bestellung hinaus ein paar Sätze, von einigen verabschieden wir uns sogar, als wir abfahren. Aber wirklich erfahren hat von uns keine viel über die Welt der Frauen auf den Inseln. Schade! Und typisch – und auch klar: 2 Wochen, von denen wir mehrere Tage am Schiff arbeiten reichen nur um an der Oberfläche zu kratzen. Und die Sprachbarriere kommt zur Kulturbarriere dazu…. ach ja – spannender Ankerpunkt noch das Kulturzentrum am Hafen, wo wir leider nicht in eine Theatervorstellung kommen – seit Wochen ausverkauft. Es gibt offensichtlich eine rege Kulturszene, die aber ziemlich mit sich beschäftigt ist – zumindest gelingt bis auf kurze Gespräche kein weiter gehender Kontakt.
Im Hafen innerhalb der Seglerinnenkommunity ist das anders: Trotz aller Differenzen entstammen alle der mehr oder weniger wohlhabenden Schicht der dominanten Länder, gibt es gemeinsame Sprache und Themen – selbst zwischen vermoosten Aussteigerkähnen und 55Fuß Salonkatamaranen. Die Aurora trifft alte Bekannte von früheren Etappen, fast alle haben das Ziel Karibik, sind auf dem gleichen Kurs durch die Welt. Die erstaunlichste Bekanntschaft machen wir mit der Überführungscrew eines riesigen Katamarans aus den USA. Die junge Köchin fährt total auf die Aurora ab, als sie uns eines Abends besuchen. Das sei doch mal ein real boat! Den Gegenbesuch auf dem mehrstöckigen Nobelloft namens „Bundalong“ oder so ähnlich lassen wir uns nicht entgehen: 35 Meter Masthöhe, 220m2 Wohnfläche, 8 Duschen, Räume voller Kühlschränke und Waschmaschinen, Flachbildschirme – kalter Protz. Schnell Segeln tut der Bungalow eher nicht, meistens läuft der Motor mit. Die Arbeit verrichtet die Elektronik. Für die Überführung hat der Skipper ein paar befreundete Surferboys dazu geholt. Lustige Gesellen, die sicher eine Menge fun auf den cremefarbenen Sitzgruppen haben. In der Karibik wird dann – wenn der Eigner nicht an Bord ist – verchartert: Bis zu 8 Passagierinnen für 80.000 Euro pro Woche all inklusiveunter Mitwirkung mehrerer Mindolaner*innen – 600 mal Monatsmindestlohn der Menschen auf der anderen Seite des Marinazauns…
Als wir Montag zurückkehren, vertreibt die Arbeit am Schiff die Grübelei: unbeeindruckt von der Schwabbelei in der Marina schleifen und malen wir Außenhaut und Schanz. Ein strammer NE fegt seit Tagen durch die Marina. Dazu steht – angeblich unüblich – eine ungemütliche Welle in der Bucht. Die Schiffe zerren an den Leinen. Aurora zerreißt 4 dicker Festmacher – bei den anderen Schiffen sieht es nicht besser aus. Das Laufen auf den Schwimmstegen ist ziemlich spannend und lustig anzusehen…


Ab Dienstag wird dann endlich auch an den Ruderbuchsen gearbeitet. Rausgenommen hatten wir das Ruder Freitag schon selbst – nach Demontage des Sicherungsblocks ging das eigentlich recht einfach. Seither lag das Ruder unbeachtet auf dem Schlengel.
Mittwoch sind endlich die Buchsen drin und erstaunlich schnell gelingt im aufgewühlten Hafenwasser das Einfädeln des Ruderungetüms. Natürlich passt das Ganze nicht beim ersten Versuch – 1mm zu eng – alles wieder raus und die Monteurin zittert mit ihrem Taucher und den

Buchsen ab – Mist! Aber oh Wunder – knapp 2 Stunden später kommen sie wieder und gegen 17 Uhr ertönt Siegesgebrüll – Aurora auslaufbereit! (Die frischen Vorräte bereits 3 Tage alt….). Indes – Immigration hat schon Feierabend – und das heilige Schiffspapier – dann feiern wir eben noch einen letzten Abend Mindelo.


Ja – Abschied in Etappen – Dienstagabend wurden wir überraschend in eine aufregende Schatzsuche verwickelt, die schließlich ziemlich alkoholseelig am Stadtstrand endete. Obwohl das Unternehmen unter Mitwirkung mehrerer Mindolaner*innen stattfand konnten wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass Tom und Jesper irgendwie die Finger mit im Spiel hatten. Donnerstag gegen 12 bleibt Mindelo im Kielwasser zurück – der Atlantik hat uns wieder…

5 Antworten zu „Kap Verden – Haukes Erzählung“

  1. ich bin ganz auf die Cabo Verden erzählt. so eindrücklich die Sprache, die Beschreibungen, da wirken die realen Bilder nüchtern fest gehalten. Vor dem Ausdruck steht der Eindruck, und der wird in der stetigen Suchbewegung nach dem passenden Wort, dem Fluss der Sätze, dem inneren Bild so deutlich, als wäre ich dabei gewesen. Danke!

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  2. Das sind atemberaubende Bilder und Geschichten.
    Liebe Grüße aus der Krankenstation Heider Straße.

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    1. Haukes Erzählung gefällt mir, wie Märchen aus 1001 Nacht, unbekannte Welten…

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  3. Na, das ist ja mal ’n Bericht! Komme gerade von einer 450km-Tour am Indischen Ozean zurück. By Car. Gute Spots gefunden, war’n heute 6-7 Bft. auflandig. Genau richtig zum Wellen-checken. Und dann zurück im Hotelzimmer, Alc-freies Holsten in der Hand (gibt‘s hier an jeder Ecke), denk ich: „Ah, du bist jetzt ’n bisschen kaputt, da ist ’chillen mit Hauke‘ – wenn ich das so sagen darf, genau das richtige. Schlecht gedacht. Ich krieg nämlich garnix mehr mit! Zum Beipiel, ich glaub, im zweiten Absatz: Was ist bitte ein Marinator? Sowas wie’n Terminator? Ihr merkt, so ganz schnallt der Junge da im Hotel im Muscat das nicht. Ich werd’ jetzt noch ’n Holsten in mich hineintun, dann die passende Mukke abspielen (z.B. Calm Down by Rema –
    https://www.youtube.com/watch?v=CQLsdm1ZYAw) und dann alles noch mal lesen. Grüsse!!!! Ja, und die Fotos sind wiedermal fantastico!

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  4. Alles Gute zum neuen Jahr 2023!!! Wünsche ich Euch auf diesem Wege und grüße Euch herzlich aus dem grauen, regnerischen Hamburg. Instagramm kann ich nicht, aber hier lese ich mit Begeisterung Euern Blog. Weiterhin gute Fahrt!!! Anne (Ubbelohde, falls Ihr mehrere Annes kennt)

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