Windward to Leeward

Der Neujahrsmorgen ist strahlend schön: Himmel und Wasser blau. Alle an Bord haben gut ins neue Jahr gefunden, die Beine schmerzen zwar etwas vom Tanzen, aber das birgt gute Erinnerungen. Am frühen Nachmittag verholen wir vor die Stadt, ankern nahe dem Strand. 

Man soll lieber ankern, statt eine Mooring zu fischen. Deren Wartung sei nicht garantiert, es gab schon Schiffe, die nachts bei aufkommendem Wind abgetrieben sind, steht in unserem Buch.

Bequia, Port Elisabeth, macht einen guten Eindruck. Viele Läden, Restaurants und Bars. Es gibt einen Segelmacher und einen Tischler der spannende Hölzer der Region verarbeitet und verkauft. Auch Segelsport wird hier hochgehalten, es gibt eine einzigartige Regattaflotte völlig übertakelter (viel zu viele Segel auf einem viel zu kleinen Boot) Fischereijollen.  

Das alles steht in unserem Buch und auf den Hausfassaden. In der Realität hat heute genau eine Bar offen, es ist schließlich Neujahr. Immerhin liegt im Schankraum der Fischereijollensegelweltmeister kiffend auf dem Sofa. Heute keine Regatta.

Dafür wird abends nochmal das gleiche Feuerwerk gezündet wie zum Jahreswechsel. Sehr schön, nochmal eine andere Perspektive, so wie die Perspektive auf die anderen Schiffe sich ständig ändert. Das sollte sie aber nicht, etwas ist falsch. Der Anker hält nicht, das hatten wir noch nie. Also einige wieder raus aus den Kojen, Anker hoch und doch an eine Mooring. Es war etwas Wind aufgekommen und der Meeresboden nur sehr weicher Matsch.

Der aufgekommene Wind weht aus Ost Nordost, später eher Nordost, keine Chance St. Lucia anzuliegen (der Wind kommt zu weit von Vorne, um auf direktem Weg zum Ziel zu gelangen) und da wir nach dem Motto „Gentlemen don`t go windwards“ segeln, beschließen wir Kurs auf Martinique zu nehmen. So passieren wir eine weiter karibische Trauminsel, von der wir eine wunderschöne hellblaue Flagge haben, bei Dunkelheit und können nur die Lichter sehen. Außerdem raubt sie uns für ein paar Stunden etwas der schönen Briese, die uns durch die sternenklare Nacht schiebt. Mit zunehmendem Tageslicht nehmen auch die Wolken zu, sehr schnell und 7 Meilen vor Fort-de-France öffnet der Himmel seine Schleusen, es schüttet wie aus Eimern. Immerhin ist es warm und Aurora wird so einmal gründlich entsalzen.

Als der Anker vor der Hafenpromenade, hinter dem Kreuzfahrtterminal, fällt, wechseln sich Schauer und Sonne ab. Leider bleibt das so einige Tage, was diese nicht sehr schöne, kulturarme, schrottige, mit Ramschläden vollgemüllte und von Billigkreuzfahrern überlaufene Stadt nicht gerade schöner macht. Immerhin können wir waschen und es gibt Restaurants mit französischem Essen, Boulangerien mit Croissants und Baguettes und Cafés, die guten Café servieren. Sehenswert ist die Katedrale, welche zwei Jahre nach dem Eifelturm in der gleichen Bauweise gebaut wurde. 

Außerdem bringt die gute Fluganbindung JJ (Jette) zu uns, die nun für einen Monat mit uns unterwegs sein wird.

Die Insel soll auch sehr schön sein, deswegen suchen Rike und Lia als verantwortliche Wanderobfrauen einen spannenden Weg für uns raus. Wir werden den Vulkan erstürmen, den Mont Rouge. Also im Morgengrauen zum Busbahnhof und für 2 Euro eine Stunde bis in die Mitte der Insel.

Es regnet fast durchgehend, aber das ist natürlich anfangs der Regenwald, dann das Hochland und dann die Berge, an denen die Wolken hängenbleiben. Der Busfahrer amüsiert sich, als wir an der Endstation in die Wolken steigen. Er rät uns sehr davon ab, bei diesem Wetter diese Wanderung zu versuchen. Genauso wie die Frau im Vulkanmuseum: Der Weg ist nur mit festen Schuhen zu begehen, und auch nur, wenn es mehrere Tage nicht geregnet hat. Auf keinen Fall bei dieser Witterung in T-Shirt und Flipflops. Wir sollen doch lieber in ihr Museum kommen, gratis, der Chef ist gerade nicht da.

Sie setzt uns in den Vorführraum, die Doku über das Desaster 1905 anzuschauen. Obwohl sie auf französisch ist, verstehen wir so viel, dass die Landbevölkerung in die Stadt St. Pierre evakuiert wurde, welche von den Experten als sicherer Zufluchtsort bezeichnet wurde. Wissenschaftler und Politiker im Wahlkampfmodus waren auch vor Ort, um die Menschen zu beruhigen. Leider explodierte der Berg, entgegen der Vorhersagen, oberhalb der Stadt und alle kamen ums Leben. Alle bis auf einen, der im Gefängnis auf seinen Henker wartete.

Voll dieser Informationen beschließen wir unser Ausflugsziel auf St. Pierre zu ändern und da kein Bus fährt, machen wir uns auf die Wanderung. Im Endeffekt trampen einige, Jesper joggt und Paulin, Jette und Ole bleiben in der örtlichen Rum Destille hängen. Schlussendlich treffen sich alle am Strand der Stadt. Hier ist es schön, Schiffe ankern friedlich in der jetzt scheinenden Abendsonne. 

Am nächsten Morgen noch ein großer Einkauf, dann eine noch größere Verabschiedung. Ida, Rike und Lia fahren mit der Fähre nach Guadeloupe, wir Richtung Dominica. 

Uns begleiten zwei Segeltramperinnen, Alicia und Salome, die wir in einem Café kennengelernt hatten. Sie schoben auch einen kleinen Frust über Fort de France, Martinique und das Regenwetter. Schon während wir die Insel entlang segeln wird es immer trockener, die Sonnenphasen länger. Den Vulkan konnte man trotzdem nicht sehen.

Bei Kaiserwetter erreichen wir die offene See, strammer Ostwind schickt zwar große Wellen beschert uns aber auch eine flotte Reise. Sie dauert trotzdem länger als gedacht – unsere Pi mal Daumen – Navigation war etwas ungenau. Das Einreiseamt in Rosseau hat bereits geschlossen, unsere Gäste müssen also bei uns essen und übernachten. Ein schöner Abend mit gutem Essen und guten Gesprächen.

Einchecken morgens dann unkompliziert, Marcus, unser Sicherheits- und Servicemann, fährt Ole zum Amt und organisiert auch gleich noch Jones mit seinem Taxi für die gewünschte Regenwaldwanderung. Unser Dinghi können wir unbesorgt an die Pier binden, er passt auf.

Beschwingt geht es in die Berge, viele Informationen, zum Beispiel, dass China massiv in Dominica investiert (Straßen, Regierungsgebäude, Stadien…), vertiefen unser Reiseführerwissen. Warum der Regenwald Regenwald heißt, verstehen wir auf einer längeren Wanderung zu den wilden Middlehamfalls. Selten waren wir so nass. Kaum den Wasser- und Regenfällen entkommen, zurück im Bus und wieder etwas trocken, fahren wir zu den berühmten Höhlen von Ti Tou George. Hier wurden einige Szenen aus Pirates of the Caribbean gedreht. Obwohl ein möchtegern- Guide uns garantiert, dass wir es allein nicht überleben würden, stürzen wir uns in die Fluten und schwimmen in die Höhle. Am Ende stürzt ein Wasserfall auf uns herab und wirbelt uns umher, ein großer Spaß. Als Belohnung für unser heldenhaftes Überleben bekommen wir einen Rumpunsch und danach ein herrliches lokales Mittagessen in einem Restaurant am Wegesrand.

Spätnachmittags werden wir bei Marcus‘ Pier abgesetzt, finden ihn zu Tode betrübt vor. Unser von ihm aufmerksam bewachtes Dinghi ist unter die Pier gedrückt worden, beinahe untergegangen, der Außenborder total verkratzt, aber er sagt da kann man ja einen Aufkleber drüberkleben. Natürlich bekommen wir auch eine Begründung für dieses unvorstellbare Unglück: Er hat 3 Babies von 2 Frauen, dass liegt daran, dass er so ein guter Mensch ist, der eher Liebe macht als streitet, die hätten Hunger gehabt und er musste nach Hause. Die Vertretung hätte aber nur gekifft und sich vor dem aufgekommenden Wind versteckt.

Seine Augen und sein Benehmen wiesen ihn allerdings eher als Vertretung aus.

Da wir keinen so großen Aufkleber haben, beschließen wir nun einen verkratzten Außenborder zu haben. Immerhin springt er an und bringt uns sicher an Bord.

Die Nacht ist stockdunkel, der jetzt sehr spürbare Atlantikschwell rollt die Aurora so stark, dass man sich in den Kojen festhalten muss. Früh verlassen wir die Bucht und streben wenige Meilen nördlich in die Prince Rupert Bay. In dieser geschah in den 80er Jahren ein grauenhafter Mord an 2 Yachties. Dies beendete den zarten Tourismus. Von dem war allerdings ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung abhängig und so gründeten die jungen Männer des Dorfes die Organisation Pays. Inzwischen sind die jungen Männer etwas älter, fahren aber nach wie vor Patrouille, warten die Moorings, bieten Unternehmungen an und veranstalten jeden Sonntag ein großes, günstiges Beach Barbecue. Zum Glück ist heute Sonntag und „unseren“ Pays – Mann Titus kennt Ole von 2016, als er mit Christian und seinen Feuerwehrkollegen hier war. Noch während des Mooring Manövers kaufen wir Karten für den Abend und verabreden eine Flussfahrt für den Nachmittag. 

Hinauf den „Indian River“, nicht mit dem Motor, sondern gerudert. Titus erklärt uns Fauna und Flora, auch warum das Gebiet des Fluss Deltas, Portsmouth, 1768 als Hauptstadt aufgegeben wurde, obwohl es die beste Ankerbucht der Insel hat: Malaria. Am Scheitelpunkt der Tour steht erstaunlicherweise eine Bar, in der es leckeren Punsch gibt, natürlich von Pays Mitarbeitern zubereitet. So gestärkt geht es Flussabwärts, in einem Nebenarm ist noch eine Filmkulisse zu bestaunen. 

Phantastisch und wild ist das Barbecue am Abend, Essen und Trinken, soviel man will, einige Touristen und viele Einheimische, auch alle Pays Männer, bis auf den der Patrouille fährt.

Das einzige Getränk ist allerdings grausam süßer Rumpunsch, weshalb das Tanzen die Hauptattraktion ist. Unterschiedlich früh kehren wir an Bord zurück. 

Recht früh setzen wir dann Segel und slippen die Mooring, einige Meilen liegen vor und Dominica recht schnell hinter uns.

Schade, Dominica ist unsere erklärte Lieblingsinsel, wir werden wiederkommen.

Aber wir müssen Paulin auf den Weg nach Hamburg bringen, das gelingt im ersten Schritt mit der Fähre von den Iles des Saintes, einer Inselgruppe südlich von Guadeloupe. Weichgespülte, französische Karibik mit schicken Läden, sauberen Straßen und sehr vielen Tourist*innen.

Da es klein ist sind zum Glück die Kreuzfahrtschiffe auch klein. Wir haben nichts zu leiden, sondern vertrödeln den Tag bis zur Fährabfahrt mit Spaziergängen, einkaufen und Freediven. Neben unserem Mooringplatz liegt eine Fähre 5 – 10 Meter unter Wasser. Bewachsen mit tollen Korallen und bevölkert von unzähligen bunten Fischen. Erstaunlich, dass wir keine Schwimmhäute entwickelt haben, so lange wie wir geschnorchelt sind.

Guadeloupe ist am Horizont zu sehen, wir wollen nicht in die Stadt, sondern 2 Tage an der Ostküste vertrödeln, bis der Wind gut sein soll für die Passage nach Antigua. Kein Grund zur Eile. Nachmittags segeln wir bei guter Brise die paar Meilen bis zu den Pidgeon Islands vor Guadeloupes Küste. Hier ist der Jaques Cousteau Underwater Park, eine wohl hübsche Unterwasserlandschaft, dem großen französischen Taucher gewidmet. Für unser kleines Schlauchboot allerdings zu weit weg, so bleiben wir trocken und gehen noch nicht mal an Land. Das machen wir wieder in Deshaies, einem Dorf im Norden mit schöner, geschützter, ruhiger Ankerbucht vor bergiger Kulisse, der Strand gespickt mit Cafés und Bars, dahinter halbwegs schöne Gassen und einige Souvenirgeschäfte. In einem davon steht der staatliche Deklariercomputer, an dem Ole uns auscheckt, so dass wir am nächsten Morgen hoch legal das Land verlassen.

2 Antworten zu „Windward to Leeward”.

  1. Fühlt sich beim lesen an, als wäre ich wieder bei euch 🙂
    Vermisse es sehr!!

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  2. Fühlt sich beim Lesen an, als wäre ich gerade am falschen Ort🤗

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